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„Die Mitte ist geschrumpft“

Jobverlust, Gehaltseinbußen durch Kurzarbeitergeld oder fehlende Aufträge bei Selbstständigen – die Corona-Krise verstärkt das Armutsrisiko. Soziale Organisationen fordern die Bundesregierung auf, gegenzusteuern.

Mehrere soziale Organisationen haben vor zunehmender gesellschaftlicher Ungleichheit durch die Corona-Krise gewarnt.

„Man hat als armer Mensch ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken und zu sterben, als ein reicher“, sagte der Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Adolf Bauer, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Die Pandemie habe bewirkt, „dass Teile der Mitte der Gesellschaft gefährdet sind, in Armut abzurutschen“. Viele Selbstständige seien nicht mehr in der Lage, ihren Lebensstandard zu halten. „Die Mitte ist geschrumpft. Für immer mehr Menschen wird die Lage prekär, während ein anderer Teil noch reicher geworden ist“, so Bauer.

Er befürchtet „eine weitere Spaltung der Gesellschaft, wenn die Zahl derer wächst, die staatliche Unterstützung benötigen, und gleichzeitig auf der anderen Seite wenige einen immer größeren Anteil des Vermögens besitzen“. Das werde zu Spannungen führen. Bauer forderte daher ein frühzeitiges Gegensteuern mit staatlichen Finanzhilfen. „Die Regierung müsste schon jetzt Hilfen für die Zeit der Überbrückung nach der Pandemie in Aussicht stellen.“ Nach dieser Krise sei „mehr Sozialstaat“ nötig und auf keinen Fall weniger. Man werde gezwungen sein, die Steuern für Besserverdienende zu erhöhen.

Konkrete Zahlen zur Verteilung von Vermögen in Deutschland werden dem 6. Armuts- und Reichtumsbericht zu entnehmen sein, den die Bundesregierung nach eigenen Angaben in diesem Monat dem Bundestag vorstellen will. Doch auch schon vor Veröffentlichung des Berichts gibt es Indizien für wachsende Ungleichheit in der Corona-Krise.

Mehr Nachfrage bei den Tafeln

So spüren auch die Tafeln die Auswirkung der Pandemie: Unter den bundesweit rund 950 Einrichtungen verzeichneten zuletzt fast 40 Prozent eine höhere Nachfrage als im September 2020. Vielerorts kamen bis zu 20 Prozent mehr Menschen, wie der Bundesverband der Tafeln mitteilte. Vor allem von Kurzarbeit Betroffene, Bezieher von Hartz IV und Rentner kamen demnach häufiger. „Wir sehen bei den Tafeln immer mehr Menschen, die durch die Pandemie in eine existenzielle Notlage geraten sind“, sagte der Vorsitzende von Tafel Deutschland, Jochen Brühl.

Auch er sieht die Notwendigkeit, politisch gegenzusteuern. Der starke Anstieg der Langzeitarbeitslosen sei auch ein Zeichen dafür, dass die Hartz-IV-Sätze aufgrund der gestiegenen Kosten während der Pandemie dringend hätten erhöht werden müssen, so Brühl. Eine einmalige Sonderzahlung in Höhe von 150 Euro nach einem Jahr Pandemie sei ein Witz. „Arme Menschen wurden von der Krise am härtesten getroffen und am wenigsten unterstützt.“

Kinder, Jugendliche und Familien besonders betroffen

Leidtragende sind besonders Kinder, Jugendliche und Familien – zu diesem Ergebnis kommt der sogenannte Deutsche Kinder- und Jugend(hilfe)-Monitor 2021, den die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe vorstellte. Die Corona-Pandemie habe die soziale Schieflage bei Kindern, Jugendlichen und Familien „drastisch verschlimmert“. Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern mit niedrigen Einkommen seien deutlich stärker als andere betroffen, erklärte die Vorsitzende Karin Böllert.

Deutschland habe „ein massives Problem, Kindern und Jugendlichen gleiche Startchancen zu bieten“. Der Bericht zeige, dass jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut aufwachse. „Das Fatale ist, dass die soziale Karriereleiter unten keine Sprossen hat“, erklärte Böllert. „Wer einmal in Armut – von Hartz IV – lebt, der wird das mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent auch in den nächsten fünf Jahren noch tun.“

Die Pandemie habe aber auch die Mitte der Gesellschaft getroffen. 45 Prozent der jungen Menschen hätten Angst vor der Zukunft, ein Drittel aller Familie beklage mittlerweile Geldsorgen. Die anhaltende Isolation belaste junge Menschen außerdem zusätzlich, hieß es in dem Bericht.

Die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe forderte deshalb einen „Post-Corona-Sonderurlaub“. Konkret gehe es um zusätzliche Urlaubstage für alle Familien und Urlaubsgutscheine für Familien mit niedrigen Einkommen. Es sei an der Zeit, „Familien für das Durchstehen der Corona-Pandemie jetzt auch ’seelisch zu impfen'“.

Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/

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